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Quatuor pour la fin du temps

Quatuor pour la fin du temps

Am östlichen Ufer der Lausitzer Neiße waren in den Jahren des Zweiten Weltkrieges im Stalag VIII A etwa 120.000 Soldaten gefangen. Einer dieser Männer konnte von einem besonderen Lebensmittel zehren, der Musik. Olivier Messiaen war in Frankreich schon bekannt, als er 1940/41 im Görlitzer Stalag VIII A gefangen gehalten wurde. Die Musik, eng verbunden mit Beobachtungen der natürlichen Schöpfung, gab ihm Lebenskraft. In Messiaens „Quartett auf das Ende der Zeit“ spiegelt sich die Erinnerung an den zerstörerischen Krieg ebenso wie die Hoffnung, dass Menschen unterschiedlichster Nationen, Kulturen und sozialer Schichten, in den Freiräumen des menschlichen Geistes und der menschlichen Seele einander grenzenlos nahekommen können.

„Konzipiert und niedergeschrieben während meiner Gefangenschaft, wurde das Quatuor pour la fin du temps zum ersten Mal am 15. Januar 1941 im Stalag VIII/A aufgeführt. Die Ausführenden waren Jean Le Boulaire, Violine, Henri Akoka, Klarinette, Étienne Pasquier, Violoncello, und ich selbst am Klavier. Es wurde direkt inspiriert von der Stelle aus der Offenbarung. Seine musikalische Sprache ist im Wesentlichen immateriell, geistig und katholisch. Indem es in Melodie und Harmonie eine Art tonaler Allgegenwärtigkeit verwirklicht, nähert es den Zuhörer der Ewigkeit im Raum oder im Unendlichen. Besondere Rhythmen jenseits jeden Maßes tragen mit Macht dazu bei, den Begriff der Zeit zu entfernen (trotzdem bleibt es ein Versuch und fast ein Gestammel, wenn man an die erdrückende Größe des Gegenstands denkt).

Es besteht aus acht Sätzen. Warum? Sieben ist die vollkommene Zahl, die siebentägige Schöpfung wird vom göttlichen Sabbat geheiligt; die Sieben dieser Ruhe verlängert sich in Ewigkeit und wird die Acht des unvergänglichen Lichts, des unwandelbaren Friedens.“

Olivier Messiaen


 

Und ich sah einen anderen starken Engel vom Himmel herabkommen, mit einer Wolke bekleidet, und der Regenbogen auf seinem Haupt und sein Antlitz wie die Sonne und seine Füße wie Feuersäulen. (…) Und der Engel, den ich stehen sah auf dem Meer und auf der Erde, hob seine rechte Hand auf zum Himmel und schwor bei dem, der da lebt von Ewigkeit zu Ewigkeit (…), dass hinfort sein soll keine Zeit mehr, sondern am Tage, da die Trompete des siebten Engels erschalle, solle vollendet werden das Geheimnis Gottes (…).

I. Kristall-Liturgie
Gegen fünf Uhr morgens improvisiert ein einsamer Vogel, umgeben von feinen Klangfragmenten, von einem harmonischen Glorienschein, der sich in den Wipfeln verliert. Religiös betrachtet, ist dies das harmonische Schweigen des Himmels.

II. Vokalise für den Engel, der das Ende der Zeiten verkündet
Der erste und dritte Teil (beide sehr kurz) evozieren die Kraft dieses starken Engels, bekränzt vom Regenbogen und im Wolkenkleid, einen Fuß auf der Erde, auf dem Meer den anderen. Die Vernetzung dieser beiden Teile sind die unergründlichen Harmonien des Himmels als sanfte Akkordkaskaden auf dem Klavier, mit ihrem entrückten Glockenspiel die klaren Gesangslinien von Violine und Violoncello umschließend.

III. Der Abgrund der Vögel
Klarinette solo: die zeit als Abgrund, mit ihren Kümmernisse und ihrer Schwachheit. Der Gegenpol zur Zeit sind die Vögel – die für unser Sehnen nach Licht, den Sternen, Regenbögen, jubelnden Gesängen stehen.

IV. Zwischenspiel
Ein Scherzo mit etwas ausgelassenerem Charakter als die anderen Sätze – dennoch ihnen durch verschiedenste melodische Bezüge verbunden.

V. Lobpreis der Ewigkeit Jesu
Jesus wird hier in seiner Eigenschaft als (fleischgewordenes) Wort betrachtet. Ein gewaltiger (musikalischer) Satz für das Violoncello, unendlich langsam, mit Liebe und Andacht die Ewigkeit des mächtigen und sanften Wortes preisen: „dessen Jahre sich nie erschöpfen“. Majestätisch erblüht die Melodie wie eine zarte und allumfassende Ahnung. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“

VI. Tanz des Zorns für die sieben Trompeten
Rhythmisch ist dieser Satz der charakteristischste von allen. Unisono rufen die vier Instrumente den Eindruck von Gongs und Trompeten hervor. Die ersten sechs Trompeten erschallen zu den verschiedenen Katastrophen, des siebten Engels Trompete kündet die Vollendung des Geheimnisses Gottes an. Verwendet werden hinzugefügte (Noten-)Werte, erweiterte oder verminderte Rhythmen, unumkehrbare Rhythmen. Musik aus Stein, gewaltig tönender Granit; ein Satz mit der Widerstandskraft von Stahl, riesige Blöcke rasenden Zorns, eisigen Rauschs. Ununterbrochen hörbar das schreckliche Fortissimo des Themas durch Erweitern und Ändern der Stimmlagen seiner verschiedenen Töne bis ans Ende des Satzes.

VII. Gewirr von Regenbögen, für den Engel, der das Ende der Zeit ankündet
Hier klingen bestimmte Passagen des zweiten Satzes wieder an. Der Engel voller Kraft taucht auf und mit ihm der Regenbogen zu seinem Haupt (als Zeichen des Friedens, der Weisheit und klangvoller Schwingungen). In meinen Träumen höre und sehe ich geordnete Akkorde und Melodien, bekannte Farben und Formen, schwinge mich über diese Vorstufe hinaus ins Außerwirkliche und lasse mich verzückt in einen Wirbel reißen, ein schwindelerregendes Kreisen übermenschlicher Klänge und Farben. Diese flammenden Klingen, diese blau-orangenen Lavaströme, sich überstürzenden Sterne – hört die Cluster! Seht die Regenbögen!

VIII. Lobpreis der Unsterblichkeit Jesu
Ausgedehntes Violinen solo, als Gegenstück zu dem des Cellos im 5. Satz. Warum eine zweite Lobpreisung? Sie erhellt die andere Seite von Jesus, sein Menschsein, das fleischgewordene Wort, auferstanden in die Unsterblichkeit und uns damit das ewige Leben eröffnend. Dieser Satz ist Liebe, nichts als Liebe. Er steigert sich unaufhaltsam zu einem extremen Höhepunkt, Aufstieg des Menschen zu seinem Gott, des Gottkindes zu seinem Vater, der göttlichen Kreatur zum Paradies.