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Über das Stalag VIII A

Über das Stalag VIII A

 

Mit Vorbereitung der ersten deutschen Kriegshandlungen des zweiten Weltkrieges plante man auch das weitere Verfahren mit gefangenen Zivilpersonen sowie mit Kriegsgefangenen. Die zahlreich erwarteten kriegsgefangenen Soldaten wurden inhaftiert und als Arbeitskräfte genutzt. Verwaltet und koordiniert wurde dies alles durch das deutsche Kriegsgefangenenwesen. Es wurden verschiedene Lager im Reich geplant und eingerichtet, um die Gefangenen registrieren und unterbringen zu können. Die Lager unterschieden sich in ihrer Funktion und dem Rang der Soldaten, welche darin festgehalten wurden. So gab es beispielsweise Aufflags (Auffanglager), Offlags für Kriegsgefangene Offiziere, Dulags (Durchgangslager)  und auch Stalags, Stammlager für kriegsgefangene Mannschaften und Unteroffiziere. Mit dem 1. September 1939 kamen dann auch bald die ersten Gefangenen  der polnischen Armee in deutsche Kriegsgefangenelager.

(Impressionen aus dem Lager, Beerdigung eines Kameraden)

Das Stammlager VIII A Görlitz-Moys (heute: Zgorzelec-Ujazd) war das erste Stalag im Wehrkreis VIII Breslau und eins von 220 Lagern im Deutschen Reich. Weiterhin gab es im Wehrkreis VIII das Stalag VIII B in Lamsdorf (Łambinowice) und das Stalag VIII C in Sagan (Żagań). Das Stalag VIII A umfasste folgende Landkreise: in den Sudeten: Braunau, Trautenau, Hohenelbe; weiterhin: Rothenburg, Bunzlau, Habelschwerdt, Reichenbach, Jauer, Hirschberg, Glatz, Lauban, Löwenberg, Neumarkt, Strehlen, Schweidnitz, Waldenburg, Frankenstein, Görlitz und Goldberg.

(Übersicht über die Wehrkreise und Lager im Deutschen Reich, Sommer 1941)

Bereits am 26.08.1939 wurde in Görlitz eine Kommandantur für ein Kriegsgefangenenlager gebildet. Die Inbetriebnahme des Dulags (Durchgangslager) für die ersten polnischen Gefangenen erfolgte am 23. September 1939 auf einem 18 Hektar großen Feld an der Leopoldshainer Straße (Ulica Lubańska) in Görlitz-Ost. Zur Hauptaufgabe der Gefangenen wird der Aufbau des eigentlichen Kriegsgefangenenlagers. Ende 1939 werden Kriegsgefangene bereits in das neu errichtete Stalag an der Seidenberger Straße (Ulica Łużycka), Görlitz-Moys, verlegt. Die offizielle Eröffnung des neuen Kriegsgefangenenlagers findet am 23. September 1939 statt. Am 16. Juli 1940 wird der Betrieb des Dulags gestoppt.

Von August 1940 an ist Alois von Bielas Kommandant des Stalag VIII A, er wird am 03. Juli 1943 durch Oberst Rudolf Teichmann abgelöst. Insgesamt gingen während des zweiten Weltkrieges etwa 120.000 Kriegsgefangene verschiedenster Nationen, darunter Franzosen, Belgier, Polen, Slowaken, Jugoslawen, Sowjets, Italiener, US-Amerikaner und Engländer durch das Lager, bevor es am 8. Mai 1945 aufgelöst wurde.

Quelle: Meetingpoint Music Messiaen e.V.

Hygienische Bedingungen und Strafbaracke

Das Lagerlazarett und die Krankenstation waren ständig überfüllt. Der medizinische Dienst in der Anfangszeit war rein symbolisch. Er beschränkte sich auf die Verabreichung von Impfungen gegen ansteckende Krankheiten. Aufgrund der schlechten Ernährung und sanitären Bedingungen herrschte im Sommer 1940 unter den westlichen Gefangenen eine Ruhrepidemie, bei der von insgesamt 400 Erkrankten 15 Gefangene starben.

Am schwersten betroffen waren die sowjetischen und ab 1943 auch die italienischen Gefangenen, denen die ärztliche Pflege vollständig verweigert wurde. Unter den sowjetischen Gefangenen brachen Typhusepidemien in unterschiedlichen Formen aus. Ihre Situation verbesserte sich gegen Ende des Krieges etwas. Die schwer Erkrankten wurden ins Lazarett gebracht.

Inspektoren des Roten Kreuzes bemängelten unter anderem den fatalen Zustand der Kleidung der meisten Gefangenen und den Mangel an Medikamenten im Lazarett. Im Winter waren die Baracken kaum geheizt und ab 1944 mangelte es an Wasser.

Viele der schwer erkrankten französischen, britischen und jugoslawischen Gefangenen, die nicht arbeiten konnten, wurden freigelassen und repatriiert, die schwer kranken italienischen und sowjetischen Gefangenen hingegen starben meist im Lager.

Im Lager befanden sich ein Gefängnis und eine Strafbaracke, die mit Stacheldraht von den übrigen Baracken abgetrennt waren und wo die Gefangen unter widrigen Bedingungen festgehalten wurden. Gründe waren Fluchtversuche, das Nichterscheinen zu Appellen, Nichtausführung der Anordnungen des Wachpersonals oder der Zivilisten, denen sie während der Arbeitszeit unterstanden sowie Diebstahl von Lebensmitteln.

Arbeitskommandos und Lagerleben

Die meisten Kriegsgefangenen waren lediglich im Stalag VIII A registriert, mussten jedoch der Industrie und Landwirtschaft zur Verfügung stehen, was bedeutete, dass sie oftmals auch in Außenlagern im Stadtgebiet oder in umliegenden landwirtschaftlichen Betrieben untergebracht waren. Sie arbeiteten in fast allen Bereichen der deutschen Wirtschaft sowie in Rüstungsbetrieben. Die Arbeitskommandos befanden sich in der Umgebung, in Görlitz und auf dem Land. Im Lager blieben nur die, die als arbeitsunfähig oder nur bedingt arbeitsfähig erklärt wurden, Unteroffiziere und Genesende. Die Arbeiten im Lager umfassten die Bereiche Verwaltung, Medizin, Lagerung, das Austeilen von Paketen der Familien und des Roten Kreuzes, das Funktionieren der Werkstätten (Schneider und Schuster), die Organisation der Bibliothek, religiöse Praktiken, Bildung, Kunst (Theater, Konzerte) und Sport und gehörten zum Aufgabenbereich der älteren Gefangenen unter Aufsicht der Lagerverwaltung.

(Kriegsgefangene in Arbeitskommandos)

Musik im Lager

Ein historisches Ereignis im Stalag VIII A war die Komposition und letztendlich die Uraufführung des QUARTETTS AUF DAS ENDE DER ZEIT des französischen Komponisten Olivier Messiaen. Die Uraufführung des Quartetts fand am 15.01.1941, einer kalten Januarnacht, in Anwesenheit von etwa 400 Kriegsgefangenen und Lagerwachpersonal statt. Aufführungsort war die sogennannte Theaterbaracke – Baracke 27 B – im Lager. Messiaens Meisterwerk ist inzwischen eines der meistaufgeführten Kammermusikwerke des 20. Jahrhunderts. Die Tatsache, dass Messiaen es als Gefangener im Stalag VIII A unter primitivsten Bedingungen komponierte, steigert das Ansehen des Stücks noch.

(Ankündigung einer Veranstaltung, Big-Band in der Theaterbaracke, Geiger auf dem Sportplatz)

Evakuierung 1945

Die Evakuierung des Lagers fand schrittweise von Februar bis Mai 1945 statt. Die Evakuierung erfolgte zu Fuß, weil alle Transportmittel zu militärischen Zwecken vor den Kolonnen herfuhren und orderte weitere Opfer. Ein Teil der Gefangenen wurde nach Bayern gebracht, ein anderer Teil nach Thüringen, wo sie von den Alliierten befreit wurden. Die Auflösung des Lagers erfolgte am 8. Mai, als die sowjetische Armee letzte Gefangene befreite.

Friedhöfe und Exhumierung

Es ist nicht bekannt, wo sich der Friedhof der polnischen Gefangenen befindet, die an der Ruhrepidemie im Durchgangslager an der ulica Lubańska gestorben sind. Wahrscheinlich wurden sie im nahe gelegenen Wald vergraben. Ein Teil der polnischen Gefangenen wurde auf dem kommunalen Friedhof in Pieńsk (Penzig) bestattet. Dort gab es ein Krankenhaus, in das Kranke aus dem Görlitzer Lager und auch Schwerverletzte direkt von der Front gebracht wurden.

Die Amerikaner, Belgier, Franzosen, Jugoslawen, Polen und Italiener wurden auf dem evangelischen Friedhof an der heutigen Ulica Cmentarna begraben. Amerikaner und Italiener wurden auch an der ulica Łużycka neben einer Sand- und Lehmgrube im südlichen Teil bestattet.

Die russischen Gefangenen wurden auf zwei Sammelfriedhöfen verscharrt. Einer befindet sich hinter dem Lager in Richtung Westen in einer Sandgrube (wahrscheinlich 10.000 Tote). Der zweite befand sich neben der Sand- und Lehmgrube an der ulica Łużycka auf der westlichen Seite. Hier waren Offiziere 1943 erschossen worden (ca.50). Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich unter einer der erwähnten Gruben der Friedhof für die Gefangenen befindet, die an einer ansteckenden Krankheit gestorben sind.

Nach dem Krieg wurden viele der Leichen der Gefangenen aus den westlichen Ländern exhumiert und zum Teil in ihre Heimatländer zurückgebracht. In den 40er Jahren exhumierte die amerikanische Mission die Leichen 6 Gefangener, zwei vom evangelischen Friedhof und vier von dem Gebiet bei der ulica Łużycka. 1947 exhumierte die französische Mission 199 Franzosen und 60 Belgier. Es ist nicht festzustellen, ob die 28 Jugoslawen, die auf dem evangelischen Friedhof begraben waren, exhumiert wurden. 1962 empfahl die Mission, die zum Bau eines sowjetischen Friedhofs abberufen wurde, der Stadtverwaltung, 50 anonyme Einzelgräber zu exhumieren und sie auf den Sammelfriedhof für Kriegsgefangene zu verlegen. Dies wurde aber nie durchgeführt.

Die Exhumierung von 471 italienischen Leichen fand in den Jahren 1957-1959 statt. Die Vertreter der italienischen Regierung suchten in Zgorzelec aber nach 506 Toten. Es ist anzunehmen, dass 35 nicht gefundene italienische Gefangene auf dem Friedhof sein könnten, auf dem die an ansteckenden Krankheiten Verstorbenen begraben sind.

(Impressionen des Workcamp’s 2013 auf dem ehemaligen Stalag-Gelände)

Denkmal

1948 entschied der Stadtrat in Zgorzelec über den Abriss der Baracken und verkaufte die Baumaterialien für den Wiederaufbau Warschaus und anderer polnischer Städte.

Der Vorschlag, ein Denkmal auf dem Gelände der ehemaligen Kommandantur des Stalag VIII A zu errichten, wurde von französischen und polnischen Veteranen unterbreitet, die auch ehemalige Kriegsgefangene waren. Das Denkmal wurde vom Künstler Tadeusz Dobosz vom Institut für Bildende Künste in Zielona Góra entworfen und besteht aus Sandstein aus Bolesławiec (Bunzlau).

Auf der Sandsteinplatte neben dem Denkmal kann man lesen:

StaLag VIIIa: Ein Ort, der durch das Blut und das Märtyrertum der Kriegsgefangenen der Antihitlerkoalition während des Zweiten Weltkriegs geheiligt wurde – 22.VII.1976.

1994 wurde auf Initiative der französischen Veteranen eine Marmorplatte an dem Denkmal des Stalag VIII A angebracht, auf der in polnischer und französischer Sprache steht:

STALAG VIII A 1939-1945

Durch dieses Lager gingen, in ihm lebten und litten zehntausende Kriegsgefangene

Der Zgorzelecer Lehrer, Autor und Forscher Roman Zgłobicki (1937-2010) hielt das Gedenken an das Stalag VIII A und den Kontakt zu den ehemaligen Kriegsgefangenen seit den 1960er Jahren aufrecht. Zusammen mit seinen Schülern richtete er 1973 ein Gedenkzimmer ein, welches bis heute besteht. Durch sein jahrzehntelanges Engagement hat er das inhaltliche Fundament für das Zentrum für Bildung und Kultur geschaffen.