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27. Januar 2019 – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

27. Januar 2019 – Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Gedanken von Frank Seibel, Vorsitzender des Vereins Meetingpoint Music Messiaen

Gedenkveranstaltung der Stadt Görlitz, 27. Januar, 13 Uhr, Wilhelmsplatz

Gedanken von Frank Seibel,

Vorsitzender des Vereins Meetingpoint Music Messiaen

 

Ich möchte mit Ihnen an diesem Gedenktag kurz über das Erinnern nachdenken – und einen Unterschied machen zwischen Gedenken und Erinnern.

Erinnern ist in meiner Definition vielschichtiger als Gedenken.
Wenn ich mich er-innere, hole ich etwas nach innen oder schaue in mein Inneres, um es hervorzuholen und zu betrachten.

Erinnerung, nach innen gehen, setzt Berührung voraus. Ich lasse mich berühren, bewegen; lasse Gedanken und Empfindungen in mein Inneres eindringen; in eine Sphäre meines Wesens, meiner  Seele, die hinter dem Alltagsempfinden, hinter aller Routine und Abgestumpftheit liegt.

Ich nenne die Arbeit unseres Vereins Meetingpoint Music Messiaen lieber Erinnerungsarbeit als Gedenk-Arbeit. Denn es geht um mehr als das Denken. Das Verstehen folgt dem Berührtsein. Denn die Erinnerung setzt das Innere in Bewegung, den ganzen Menschen. Die Erinnerung lässt mich fragen: Wie war das, wie konnte das passieren? Wie kann ich helfen, etwas Schlechtes zu verhindern, etwas Gutes zu befördern?

Auf den heutigen Anlass bezogen, liegt für mich der entscheidende Erinnerungs-Moment genau 40 Jahre zurück. Ich war 13, und es war ungewöhnlich, dass meine Eltern sagten: Du solltest heute Abend länger aufbleiben. Wir wollen gemeinsam fernsehen. 1979 lief im westdeutschen Fernsehen der amerikanische Vierteiler „Holocaust“. Am Beispiel zweier Familien, einer jüdischen und einer nationalsozialistisch gesinnten deutschen Familie, wurden die Schrecken des Holocaust erzählt. Die Grausamkeiten, die aus der großen jüdischen Familie Weiß letztlich nur ein junger Mann überlebte, berührten und erschütterten mich im Innersten. Und so ging es meinen Mitschülern, meinen Eltern, den Eltern der anderen Schüler, den Lehrern, Pfarren und Politikern …

Die Serie „Holocaust“ hat in mir, in meiner Generation und in der ganzen Gesellschaft um mich herum ein Erinnern ausgelöst, das uns zu Fragenden gemacht hat. Dieses Fragen, dieses Verstehenwollen kennt intensive und nachlässige Phasen. Aber es ist für viele meiner Freunde, die mit mir in Hessen aufgewachsen sind, zu einem prägenden Thema geworden.

Die Serie „Holocaust“ wurde vor zwei  Wochen aus gegebenem Anlass wiederholt. In westdeutschen Fernsehprogrammen. Der MDR zeigte den Film nicht …

Seit ich vor genau zwanzig Jahren in Görlitz angekommen bin, nehme ich eine für mich verstörende Erinnerungslücke wahr.  Das so genannte Dritte Reich schien und scheint mir hier immer merkwürdig abgehakt. Zugemauert hinter jahrzehntelang offiziell verordnetem „antifaschistischem“ Gedenken?

Im konkreten Fall, der mich als Vertreter des Meetingpoint Music Messiaen betrifft, ist die Erinnerungslücke rund 20 Hektar groß. Ich stand erstmals im Sommer 2006 in jenem wild wuchernden Birkenwald am südlichen Stadtrand von Zgorzelec. Hier, erfuhr ich, war in den Jahren 1939 bis 1945 ein Kriegsgefangenenlager, das eine typische Wehrmachts-Abkürzung als Namen trug: Stalag VIII A.

Schnell erfuhr ich einige Fakten: 120.000 Gefangene, von denen etwa 10.000 gestorben sind. Das waren vor allem Soldaten der Roten Armee, die besonders unmenschlich behandelt wurden. Ich erfuhr, dass überall in der Stadt Außenstellen waren, und dass die Kriegsgefangenen in Dutzenden großen und kleinen Betrieben der Region als Zwangsarbeiter eingesetzt wurden; so wie auch die jüdischen Gefangenen des KZ-Außenlagers in Biesnitz.

Was ich aber auch lernte, und das verstörte mich: Immer wieder bekam ich zu hören „Davon wusste ich nichts“.

Um nicht missverstanden zu werden: Wir erinnern uns heute vor allem an die Opfer der Shoah. Ein Kriegsgefangenenlager ist etwas völlig anderes als ein KZ. Aber dieser 27. Januar ist der offizielle Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus. Daher möchte ich diese Kriegsgefangenen mit in unsere Erinnerung nehmen.

Unser Verein widmet sich, gemeinsam mit der Stiftung Erinnerung, Bildung, Kultur in Zgorzelec, einer Erinnerungsarbeit, die zunächst die Sinne anspricht, um Menschen für die Erinnerung zu öffnen.

Eine Tür ist die Musik. Denn unter den wenigen Kriegsgefangenen, zu denen uns persönliche Daten bekannt sind, zählt der berühmte französische Komponist Olivier Messiaen, der im Stalag VIII A sein „Quartett auf das Ende der Zeit“ vollendet und uraufgeführt hat.

Andere Türen sucht die internationale Jugendbegegnung „Worcation“ jedes Jahr im Sommer. Jugendliche aus verschiedenen Ländern räumen auf dem einstigen Lager-Gelände auf, sie graben gemeinsam mit Archäologen nach Fundstücken aus jener Zeit. Und sie nähern sich dem Ort mit Hilfe eines Künstlers.

Diese Büste aus Metall (Foto) zeigt das Porträt von Lucien Calay, einem belgischen Kriegsgefangenen. Sein Sohn hat mit uns Kontakt aufgenommen, das Erinnerungszentrum auf dem ehemaligen Lagergelände besucht und uns Fotos von seinem Vater aus den Jahren des Krieges und der Gefangenschaft geschickt.

Einer von 120.000 … Wenn Lucien Calay uns  so gegenübersteht, können wir den Dialog aufnehmen; dann beginnt Erinnern.

Die Erinnerung, die bei mir und meinen Freunden vor 40 Jahren angestoßen wurde, führte dazu, dass wir uns gefragt haben: Was ist in unserem Heimatort geschehen damals; was haben unsere Großeltern während des Dritten Reiches gemacht?

Es geht nicht um „Schuldkult“ als den einflussreiche rechtsextreme Politiker unserer Zeit dieses Erinnern diffamieren. Es geht um ein Verstehen-Wollen mit dem Ziel, es nicht wieder so weit kommen zu lassen, dass Menschen ein unmenschliches, mörderisches System errichten, Todesfabiken bauen und alle Grundprinzipien von Kultur, Zivilisation und Menschlichkeit der Barbarei opfern.

„Jemand müsste ein Buch schreiben. Über uns, damit man sieht, was alles mit uns werden kann.“ Diesen Satz gab ein alter Mann aus Dittelsdorf, ganz hier in der Nähe, kurz vor dem Tod seinem Sohn als Vermächtnis auf den Weg. Dieser Sohn, Wieland Menzel, wurde von der Erinnerung gleichsam „getroffen“, als er ein Paket mit Briefen seiner Großeltern auf dem Dachboden von deren Haus in Dittelsdorf fand. Verstörende Briefe eines jungen Paares, das sich ganz der nationalsozialistischen Ideologie hingegeben hatte. Briefe, die von großer Zärtlichkeit und Liebe im Privaten zeugen. Und von einem eigentümlichen Mangel an Empathie jenen gegenüber, die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten wurden. Es geht um Verstrickungen, um Verantwortung. Wieland Menzel, der in der Stadtverwaltung Görlitz arbeitet, hat sich der Erinnerung gestellt und, unterstützt vom Hannah-Ahrend-Institut in Dresden, ein Buch darüber veröffentlicht. „Erbarmen kann es keines geben“, lautet der beziehungsreiche Titel.

Ich möchte Sie und uns an diesem nationalen und internationalen Gedenktag einladen, sich auf die Suche zu begeben nach Erinnerungen. Auf dem jüdischen Friedhof, an der ehemaligen Synagoge, auf dem Gelände des einstigen Kriegsgefangenenlagers; auf dem eigenen Dachboden in Kartons mit Briefen Ihrer Eltern, Großeltern und Urgroßeltern.





fot. Florian Kretschmer, Renata Burdosz